Denk mit der Hand 2

Das 2. Handbuch „Denk mit der Hand“ erscheint im Frühjahr 2018

Vor ca. 2 Jahren erschien das erste Buch Denk mit der Hand zum Thema „Künstlerisch Denken und Handeln“.  Jetzt ist ein Folgebuch in Arbeit, dass sich dem Thema „Zeichnung und Prozess“ widmet. Wieder sind 50 Begriffe rund um das Thema gepaart mit kurzen Texten, praktischen Übungen und Zeichnungen.
Die Entstehung können Sie hier mitverfolgen: in loser Folge werden hier die einzelnen Beiträge erscheinen, bis in ca. 3 Monaten das fertige Buch publiziert wird.
Viel Spaß beim Mitverfolgen.

124 Seiten, erscheint im Frühjahr 2018
Vorbestellen kann man es für 14€ + Versand  hier >>>

 

 

 

Leichtigkeit

Wenn etwas schwer geht und wir uns abkämpfen müssen, dann ist es nicht der richtige Weg. Künstlerisches Tun ist ein Zusammenwirken von leichtgängigem Spiel und stringenter Arbeit an etwas. Aus diesem Zusammenwirken bezieht es seine Kraft. Es gestaltet sich wie ein Fluss: je mehr Wasser zusammenkommt und sich unter günstigen Bedingungen seinen Weg bahnt, desto mehr Kraft hat es. Erfolg ist dabei nie das Ergebnis von Einzelkämpfertum. Dennoch braucht es den Einzelnen, der den Mut hat, die Dinge neu zu sehen, neu zu denken. So wie ein Strom nur dann existiert, wenn Abermillionen von Wassertröpfchen mit ihrem Fließverhalten sich zusammentun, kann ein neuer Weg nur gefunden werden, wenn die Fließkraft eines jeden Einzelnen wertgeschätzt wird.
Übung für eine Person:
Zeichne den Weg einer, mehrerer, vieler Schneeflocken nach.
Übung für Gruppen:
Alle Namen aus der Gruppe werden auf je einen Zettel geschrieben, jeder zieht einen: dieser ist jetzt dein geheimer Freund: tue ihm etwas Gutes.


 

Dekonstruktion

Sich auf die Kunst einzulassen bedeutet, das eigene Weltbild ins Wanken zu bringen. Mit jedem Bild, das ich (mir) mache, mit jeder Form, die ich neu schaffe, befrage ich das, was ist und die Art, wie ich es sehe. Ich stelle damit in Zweifel, ob es so ist, wie es ist, bzw. von anderen erklärt wird. So kann nach und nach mein Bild, welches ich mir von der Welt, von der Erscheinung, dem Wesen und den Zusammenhängen der Dinge konstruiert habe, dekonstruiert werden. Das ist erst mal ein verunsichernder Prozess und es verlangt Mut, sich einzulassen. Es ist aber auch ein gütiger, ein hilfsbereiter Prozess, der es mir ermöglicht anhand meines Tuns über ein Drittes langsame, tastende Schritte in eine neue Wirklichkeit zu gehen. Diese neu in mir entstehende Wirklichkeit ist genauso konstruiert wie die vorherige, es ist nur eine von vielen, weiteren möglichen.
Übung für eine Person:
Mache etwas, was du dir eigentlich nicht traust.
Übung für Gruppen:
Schneide dir aus Papier einen Formatsucher. Suche einen interessanten Ausschnitt im Umfeld, mache eine Miniskizze davon, erkläre den anderen, welche Kriterien daran dich interessieren.


 

Öffnung

Künstlerisches Arbeiten ist ein sich Einlassen auf eine unwägbare Erfahrung, deren Ausgang ungewiss ist. Es bedeutet, den lenkenden Willen hinten an zu stellen und – im Falle des Zeichnens – zum Beobachter des Stiftes zu werden, auf dessen Spuren ich reagiere. Nicht ich lenke, sondern der Stift führt in unserem Dialog. Alle anderen gedanklichen Steuerungsversuche treten dabei in den Hintergrund. Mein Tun ist ergebnisoffen. Ich kenne das Ziel nicht, aber ich weiß, dass ich da sein will. Der Stift zeigt mir, was möglich ist, ich entscheide lediglich, ob ich seinen Vorschlägen folge. So führt er mich in Gefilde, die mein Geist nicht antizipieren kann. Mein Geist kann das, was über ihn hinausgeht, gar nicht denken. Akzeptiert man das, so besteht die Möglichkeit sich für weiterreichende Bezüge zu öffnen, die das vordergründige Geschehen in einen größeren Zusammenhang einbetten. Unterstützen kann ich das nur, indem ich möglichst oft Gelegenheiten schaffe, dass es passieren könnte.
Übung für eine Person:
Zeichne etwas in einer Art, wie du es noch nie gemacht hast.
Übung für Gruppen:
Bringe in eine Gruppe eine Wahrnehmung mit, die über das Übliche hinausgeht. Teile sie auf eine überraschende Art.


 

Manifest

Ein Manifest ist eine Auflistung von handlungsleitenden Regeln, die sich aus individuellen oder gesellschaftlichen Erfahrungen ableiten. Um dabei nicht alten Glaubenssätzen nachzuhängen, ist es wichtig, in jedem Moment aus einem autonomen Erwachsenenbewusstsein heraus alle zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen.
Im schlechten Fall besteht ein Manifest aus einmal festgeschriebenen Gesetzen, die das Handeln reglementieren und beschränken. Im guten Fall bietet es Orientierung, um das Handeln immer wieder an der Erfahrung und den Möglichkeiten neu zu justieren. Im besten Fall ist ein Manifest so geschrieben, dass es zu einer ständigen Aktualisierung der Überzeugungen einlädt. Dabei wird das Handeln selbst zur Neubefragung von Definiertem und Festgeschriebenen. Dieses permanente Explorieren von Möglichkeiten ist die grundlegende Haltung, die kreatives Denken und Handeln möglich macht.
Übung für eine Person:
Mache ein Jahr lang jeden Tag eine Zeichnung und leite aus deinem Tun täglich eine Regel ab. Reduziere die Regeln nach einem Jahr auf die 10 wichtigsten. Beginne dann von Neuem.
Übung für Gruppen:
Erstellt gemeinsam ein Manifest, welches das Zeichnen interessant und lehrreich macht. Formuliert es zeichnerisch.


 

Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen hat zur Folge, dass man, wenn man morgens aufsteht, sich die Frage stellen darf, nein muss: warum stehe ich heute morgen auf? Die Herausforderung daran ist dann, dass ich herausfinden muss, was wirklich meine Herausforderung ist. Das ist viel essentieller, als einer Tagesstruktur zu folgen, die dem Geldverdienen geschuldet ist.
Der Austausch über die Idee des Grundeinkommens ist ein reif werden dafür. Es ist Bewusstwerdungsprozess, der substantiell Menschliches thematisiert. Die Bedingungslosigkeit dabei bewirkt erst die Freiheit, sich die wirklich grundlegenden Sinnfragen nicht nur zu stellen, sondern sie bedingungslos weiterzuverfolgen. Das ist auch die große, vielleicht beängstigende Herausforderung für jeden einzelnen, der sich mit der Idee beschäftigt: Zu welchen Antworten werde ich kommen, wenn ich diese Gedanken kompromisslos zulasse? Die wichtigste Frage für uns als Gesellschaft ist: trauen wir uns den Umgang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen gegenseitig zu?
Übung für eine Person:
Entferne jeden Tag einen ausgedienten Begriff aus deinem Wortschatz. Streiche Begriffe, die nicht mehr stimmen, die neu gefüllt werden müssen: Kunst, Arbeit, Beziehung, Autorenschaft, etc.
Übung für Gruppen:
Zeichnet euch gegenseitig Orden, die euch für etwas auszeichnen.

Buchtipp: „Grundeinkommen von A bis Z“, von Enno Schmidt,‎ Daniel Straub,‎ Christian Müller, Limmat Verlag, 2016  hier anschauen >>>


 

Sprache

Ein Sprachrepertoire hört nie auf, sich zu verändern. Es entstehen neue Worte im Umfeld, alte sterben aus oder sind übernutzt, andere Worte tauchen auf, die sich passgenauer, treffender oder auch ästhetischer anfühlen. Das Bedürfnis, nicht immer dasselbe zu sagen schickt einen auch auf die Suche nach neuen Gedanken und Formulierungen. So ist mit dem Sprachschatz auch immer das Denken in Umformung begriffen.
Wenn man Zeichnen als Sprache versteht, versucht der Zeichner mit seinen bestmöglichen Worten die aussagekräftigste Form zu treffen. Die Art, wie er es sagt, ist sein Stil, der sich durch seinen Willen um Treffgenauigkeit von alleine entwickelt.„Sowie Sprechen mit Denken zu tun hat, hat Zeichnen mit Sehen zu tun.“ (Josef Albers) Daraus folgt, dass Sehen die mit dem Zeichnen verbundene notwendige Übung ist: präzises Sehen, vorurteilsfreies Sehen, ausgiebiges Sehen, unzensiertes Sehen.
Übung für eine Person:
Sprich einen Gedanken aus, den du heute gedacht hast. Versuche die Worte zu zeichnen, oder einen Gegenstand, der dazu passt.
Übung für Gruppen:
Stelle eine Zeichnung aus. Lasse über Kopfhörer verschiedene Beschreibungen dieser Zeichnung vorlesen, die alle in bestimmten Punkten von der gezeigten Zeichnung abweichen.


 

Erfahrungsmut

Vertrauen ist uns in die Wiege gelegt, um uns dann Stück für Stück genommen zu werden. Im künstlerischen Tun können wir Situationen durchleben, in denen wir Schritte wagen, die wir im realen Leben nicht wagen. Wir können erfahren, wie es ist, risikobereit und vertrauensvoll einen Schritt zu tun, dessen Erfolg nicht garantiert ist. Wir erleben auch, wie wir mit Scheitern umgehen: dass Scheitern kein Endpunkt ist, sondern die Ausgangsbasis für den nächsten Versuch. Jeder Versuch ist anfangs mit einem kleinen, unbehaglichen Taumeln ins Leere verbunden, weil es ungewohnte, riskante Schritte fordert. Je öfter ich einen neuen Versuch mache, desto mehr wird aus dem Taumeln eine Suchbewegung, bei der die Neugier größer ist, als die Furcht vor dem Ungewissen. Diese Erfahrung schreibt sich in unseren Körper ein (`Embodiment´)* und steht uns auch in Bereichen außerhalb der Kunst zur Verfügung. Mit diesem `Erfahrungsmut´ gerüstet können wir alte Definitionshüllen peu à peu abstreifen und neue Handlungsspielräume erobern.
Übung für eine Person:
Sprenge deine Stilmittel. Suche ganz bewusst die Herausforderung einer Art zu Zeichnen, eines Experiments, das du noch nie gemacht hast.
Übung für Gruppen:
Ein Raum ist gefüllt mit Stühlen. Die eine Person geht blind im Raum herum. Die anderen räumen ihr den Weg frei. Einer macht eine Wegskizze.


 

Alltag

Der Fluxuskünstler Allan Kaprow hat in den 1960er Jahren das „Happening“ in die Kunst eingeführt. Happenings sind collageartige Aufführungen, bei denen die Grenzen zwischen den Kunstormen, zwischen Akteuren und Publikum, zwischen Kunst und Alltag verschwimmen. Es ging dabei nicht darum die Kunst aufzuheben, sondern die Aufmerksamkeit auszuweiten auf alle Aktivitäten des Alltags. Wenn alltägliche Abläufe derart inszeniert und unter Beobachtung ausgeführt werden, erfahren sie eine Veränderung, bei der feinste Differenzen sichtbar werden.
Auch Zeichnen ist beobachten. Der Stift konstatiert die Beobachtung indem er sie in Linien übersetzt. Er agiert nach eigenen Regeln und tanzt über das Papier. Man könnte sagen, er vollzieht eine Art Happening auf dem Papier.

Allan Kaprow, „Performing Life“, s.179ff, in „Essay on the Blurring of Art an Life“, University of California Press, London, 1993

Übung für eine Person:
Zeichne Abläufe: eine Mahlzeit kochen, Socken stopfen, Nachhause gehen, ein Bild zeichnen, etc.
Übung für Gruppen:
Wählt als Gruppe einen Monat lang – oder länger – täglich ein Foto aus der Tagespresse aus und zeichnet es ab. Vergleicht nach Ablauf der Zeit die entstandenen Sammlungen.


 

Inspiration

Eine Inspiration ist ein Hinweis, der von außen auf mich trifft und nur dann etwa bewirkt, wenn ich da und bereit bin. Wie ein Stein, der in mein gedankliches Gewässer fällt, zieht die Inspiration ihre Kreise und versetzt andere Felder meines Unterbewusstseins in Schwingung. Diese in Bewegung gebrachten Felder können das nächste Epizentrum sein, von dem eine Idee ausgeht. Die Bewegung lebt davon, dass ich immer offener werde und immer mehr gedankliche Kreisbewegungen ineinanderfließen lasse. Einmal angestoßen verstärkt sich die Bewegung gegenseitig. Die Bewegungsbereitschaft erhöhe ich, indem ich den Stift – als Kanal für meine Ideen – so über das Papier führe, dass er sich frei bewegen kann, ohne durch Erwartungen begrenzt zu werden.
Übung für eine Person:
Zeichne wie jemand anders, dessen Art zu zeichnen du gut findest. Verlasse dein Vorbild irgendwann und zeichne weiter, ohne an ein bestimmtes Ziel zu denken.
Übung für Gruppen:
Übersetzt Situationen, die ihr im Alltag erlebt, gedanklich in eine Filmsequenz. Erzählt sie euch wie einen Filmausschnitt und zeichnet sie dann auf ein Blatt.


 

Übung

Eine Übung unterscheidet sich von einer Methode darin, dass sie etwas noch nicht Erprobtes wiederholt. Sie kann ergebnisoffen spielerisch sein, sie darf sich im Unkonkreten bewegen, sie muss nicht gerichtet und auswertbar sein. Genau in dieser Offenheit liegt ihr erfinderischer Vorteil gegenüber der Methode. Die Übung sollte nicht nur im Kopf stattfinden, denn der Kopf knotet gern. Aber Knoten machen führt bei ihm zu nichts, es ist nicht seine Domäne. Die Hand knotet auch gerne. Dabei macht sie die tätige Erfahrung des Knotens, durchläuft also einen Prozess, der das Knoten machen nicht nur an sein Endprodukt, den Knoten, bindet, sondern an die Erfahrung, wie es ist einen Knoten zu machen. Diese Erfahrung ist der eigentliche Mehrwert des Knoten machen. Das Vertrauen darin, den Knoten auch wieder zu lösen, wächst mit jedem neuen Versuch. Vertrauen ist eine wichtige Voraussetzung um sich auf wiederholendes Üben einzulassen.
Übung für eine Person:
Stelle oder zeige eine Regel auf. Gestalte etwas, das dieser Regel folgt. Brich die Regel dann wieder.
Übung für Gruppen:
Macht einen gemeinsamen Tagesausflug. Zeichnet im Bus, im Zug, im Auto, im Gehen.


 

Atelier

Das Atelier ist der Arbeitsplatz eines Kreativen, sein Forschungslabor. Alles im Atelier ist zum Zwecke der kreativen Arbeit optimiert. Es sollte so eingerichtet sein, dass ich jeden Moment anfangen kann, dass es mich einlädt und ich mich gerne an den Tisch setze.
Neben diesem konkreten Raum ist das Atelier aber auch eine Metapher für eine Freiraum, der überall sein kann, je nachdem, was dem kreativen Schaffen zuträglich ist. So kann das Atelier in der Öffentlichkeit sein, wie für Simone de Beauvoir, die in Cafés schrieb, um sich `existent zu machen´. Es kann zwischen den Menschen sein, wie Beuys es aus der Idee der `Sozialen Plastik´ heraus gesehen hat. Es kann aber auch ein Freiraum des Geistes sein, den ich in mir habe und überall hin mitnehme und ausbreiten oder anwenden kann. Es kann aber auch ein zeitlicher Rahmen sein, wie z.B. die `Die goldene Stunde´, womit ich die beste Zeit am Tag bezeichne, die ich für die Kunst reserviere. Das Atelier hat vielfältige subjektive Formen und Zustände und es gilt, die zu mir passenden herauszufinden.
Übung für eine Person:
Gehe durch verschiedene Räume. Verweile an Orten die dich anziehen. Mache Skizzen und Notizen. Trage die Beute an deinen Arbeitsplatz. Sichte. Ordne. Vertiefe.
Übung für Gruppen:
Macht gemeinsam einen Zwischenraum sichtbar.


 

Idee

Kunst ist die Idee von etwas. Der Kunstschaffende macht sich diese Idee selbst. Er erfindet sie und kann das Erfinden können trainieren, wie man einen Muskel trainiert. Sich eine Idee von etwas zu machen geschieht aus dem Zusammenspiel der Beobachtung von Phänomenen und dem Nachdenken über das Beobachtete. Kunst ist also nicht das Produkt, sondern das Ergebnis eines Prozesses. Dieser Prozess ist nur ein Teilausschnitt aus dem größeren Prozess des Lebens, in dem ein Mensch versucht, sich die Welt in ihren Phänomenen und Ideen zu erklären. Dieser Prozess hört ein Leben lang nicht auf, so wie auch die Verfertigung von Kunst als allgemeines Kulturgut erst dann abgeschlossen ist, wenn es keinen mehr gibt, der sich an ihr versucht. Als Versuch der Welterklärung begleitet die Kunst den Kunstschaffenden das ganze Leben lang und findet einen Abschluss erst im Ableben.
Übung für eine Person:
Zeichne einen einfachen Gegenstand. Erfinde zeichnend mindestens 5 Umdeutungen dafür, die dem Gegenstand eine neue Funktion, Zusammenhang, Lesbarkeit verleihen.
Übung für Gruppen:
Nehmt einen Stapel von beliebigen Zeichnungen. Ordnet sie einer Geschichte so zu, dass sie wie Illustrationen wirken.


 

Haltung

Handlungsziele brauchen Haltungsziele als Untermauerung.
Künstlerisch tätig zu sein ist weniger eine Formfähigkeit als eine Haltungsfrage. Deswegen operieren viele Lehrende und Lernende an einem nicht zielführenden, weil zu sehr auf Technikfragen ausgelegtem Weg. Die Verschiebung von der handwerklichen Fähigkeit zur Haltung bedeutet, das Ausbildungen sofort auf einem sehr hohen Niveau ansetzen können, ohne sich mit dem Einüben von klassischen Techniken der Kunst abmühen zu müssen. Die Kunst verlangt eine sehr autonome Art, zu denken und zu handeln. Dafür adäquate Formen zu finden ist das Üben an der Kunst, was mit derselben Intensität verfolgt werden muss, wie es bei früheren Ausbildungsansätzen für das Erlernen von Techniken gefordert wurde. Um aus Zufallstreffern ein konsistentes Werk zu machen, braucht es lebenslanges Üben. Üben ist zugleich praktizieren und bei allem Experimentiergeist immer Ernstfall.
Übung für eine Person:
Wähle eine der Zeichnungen, mache einen zeichnerischen Eingriff, den du sonst nie machen würdest.
Übung für Gruppen:
Zeichnet eine Geschichte in mehreren Bildern auf Demonstrationsschildern. Macht damit einen Spaziergang durch die Stadt.


 

Goldene Stunde

Die beste Zeit am Tag ist für die Kunst reserviert. Ich nenne das die goldene Stunde. Bei mir ist es früh morgens, wenn das Denken noch nicht durch die zu erledigenden Dinge perforiert ist. Bei jemand anderem ist es spät nachts, wenn die betriebsame Welt sich zur Ruhe begeben hat. In jedem Fall ist es eine bewusste Zeitreservierung, die als fester Termin auf meinem Stundenplan steht. Künstlerisches Tun ist nicht nur Lust, sondern auch Disziplin. Oft fällt es schwer, in diesen anderen Denk- und Handlungsmodus zu schalten. Regelmäßiges Üben und die wiederholte Erfahrung, dass das Umschalten geht, macht es erleichtert. Alles was mir dabei hilft, ist willkommen. Um herauszufinden, was mir hilft, muss ich beobachten, wann ich unter welchen Umständen wie agieren kann. So finde ich heraus, wann meine persönliche Goldene Stunde ist.
Übung für eine Person:
Halte einen Tag lang alle 30 Minuten inne und zeichne, wo du dich gerade befindest.
Übung für Gruppen:
Bleibe einen Tag lang im Bett. Versuche so lange wie möglich zu schlafen und zu träumen. Erzähle deinen Kollegen, was du erlebt hast.


 

Fehler

Wenn wir immer nur das machen, was wir können und bei dem wir sicher sind keine Fehler zu machen, werden wir nichts Neues entdecken. Gerade aber kreative Prozesse leben davon, dass nicht vorhersehbare Dinge geschehen und dass diese Dinge als dazugehöriger Schritt in den Prozess einbezogen werden. Es geht also nicht darum Fehler zu vermeiden, sondern sie bewusster zu machen, sie nicht als Sackgassen abzuqualifizieren, sondern sie als Ausgangsbasis für darauf folgende erneute Erprobungen zu nehmen. Fehler sind integraler Bestandteil des kreativen Prozesses. Wenn es einer Änderung bedarf, die nicht machbar ist, dann ändere die Haltung, mit der du an eine Sache herangehst. Generell gilt: Umwege vergrößern die Ortskenntnis.
Übung für eine Person:
Mache – ohne Plan – 20 Zeichnungen in 20 Minuten.
Übung für Gruppen:
Sammlung: zählt alles auf, was fehlerhaft ist. Zeichnet es. Macht eine Ausstellung damit. Sprecht Einladungen aus, eure Sammlung des Fehlerhaften zu betrachten. Jeder der von einem produktiven Fehler berichten kann, bekommt eine Zeichnung. An der Leerstelle wird stattdessen der `Fehlerbericht´ gezeigt.


 

Entschleunigung

Der große Vorteil davon, künstlerisch tätig zu werden ist, dass es das Denken verlangsamt. Der Dialog zwischen mir und dem Material, den meine Hände führen, braucht Zeit, die die Formbarkeit des Materials verlangt. Irgendwann, nach einiger Zeit, kann wie in einem Gespräch eine Stimmigkeit der Dialogpartner entstehen. Mein Kopf kann nicht alleine vorauseilen, er ist an das Formulieren der Hände gebunden. Sie ziehen ihm die Energie ab,die er sonst allein beansprucht und entfalten ihre eigene, intelligente Position. Es entsteht in der Verlangsamung eine Art intellektuelle Dürresituation, deren Mangel an Gedanken wiederum meine Phantasie stimuliert. So birgt die geistige `Lange-Weile´ ein Höchstmaß an Kreativität, die die Dürre bewässert.
Übung für eine Person:
Mache eine Stunde lang nichts. Gar nichts.
Übung für Gruppen:
Macht zusammen einen Spaziergang. Zeichnet anschließend jeder für sich alles, an das ihr euch erinnert.


 

Chaos

Künstlerisches Tun ist ein „Navigieren in offenen Systemen“*. Im Gegensatz zur Bewegung in geschlossenen Systemen verlangt es, dass Regelwerke im tätigen Werken überprüft und im laufenden Prozess durch immer neue ersetzt werden. Das sich Bewegen in offenen Systemen ist eine dem Künstler eigene Geisteshaltung, die geprägt ist von einem ständigen Aufräumen von `De-Finitionen´ und Vereinbarungen. Es beruht auf einer feinen Wahrnehmung, einem visionären Denken und einer leidenschaftlichen Risikofreudigkeit. Solch ein Vorgehen führt aus der Ordnung vorerst in das Chaos, bevor es in einer schärferen Sicht auf die Dinge mündet. Jedoch nur, um sich von dort aus wieder weiterzubewegen in neues unbekanntes Terrain. Der künstlerische Geist ist ständig in Bewegung. Dabei gibt es kein richtiges oder falsches Ergebnis. Es gibt immer nur eine vorläufige Lösung, die auf dem Gefühl der inneren Stimmigkeit beruht.
(* s.a. Ursula Bertram/Werner Preissing, „Navigieren im offenen System“, container-verlag, 2006)
Übung für eine Person:
Leere den Inhalt deiner Tasche aus. Erstelle mit den Gegenständen verschiedene Kompositionen, die dir gelungen erscheinen:
die Dinge so komprimiert wie möglich,
die Dinge nach einem versteckten Prinzip geordnet,
die Dinge nach einem funktionalen Prinzip geordnet,
die Dinge nach Werten geordnet.
Mache von jeder Komposition eine schnelle Skizze.
Übung für Gruppen:
Kombiniert die Inhalte euer Taschen nach den oben genannten Prinzipien.
Macht von den verschiedenen Zuständen Skizzen, die ihr anschließend vergleicht.


 

Berührbarkeit

Die Kunst birgt die Möglichkeit aus ihr eine Suchbewegung zu machen. Mit und durch sie kann ich ergründen, was es bedeutet als Mensch in der Welt zu sein. Um dieses Potential auszuschöpfen, muss sich die Kunst konsequent auf das Leben beziehen. Beschäftigt sich die Kunst zu sehr mit sich selber und mit der Auslotung ihrer systemeigenen, oft formalen Gesetzmäßigkeiten, berührt sie den Menschen nicht.
Berührung bewirkt in der Regel eine Öffnung hin zu dem, was da berührt. Indem ich mich öffne setze ich mich in Beziehung zu diesem resonanten Geschehen und werde Teil davon. Das ermöglicht mir eine Haltung der teilnehmenden Beobachtung, die einen nicht emotional verursachten Berührungsraum kreiert. Die Phänomene der Welt werden zur Quelle des Erlebens.
Übung für eine Person:
Zeichne die wichtigsten Momente deines Lebens.
Übung für Gruppen:
Beschreibt euch gegenseitig ein Bild das nicht da ist. Zeichnet es.


 

Austausch

In meiner Studienzeit gab es einen Studenten, der stellte sich mit einem kleinen Tisch morgens auf die Straße. Auf dem Tisch lagen allerlei Habseligkeiten von Wertvollem bis Banalem. Alles stammte aus seinem Besitz und alles bot er den Passanten zum Tausch an. Am Ende des Tages hatte sich seine Auslage grundlegend verändert. Nun lagen da Papierfetzen, ein paar Münzen, eine leere Zigarettenschachtel und andere Dinge, die allesamt wertlos erschienen. Er aber wirkte sehr zufrieden. Er hatte einen Tag voller Gespräche und Begegnungen gehabt. Er hatte diskutiert, gescherzt, gefragt, geantwortet. Er hatte sich ausgetauscht. Die Gegenstände auf seinem Tisch waren nur der Anlass, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Neulich las ich über einen anderen Menschen, der sich vorgenommen hatte, mit einer Büroklammer beginnend solange zu tauschen, bis er ein Haus im Tausch bekommen sollte. Er schaffte es. Ich versuche mir die verschiedenen Begegnungen der beiden Händler vorzustellen, und überlege, mit wem ich lieber tauschen würde.
Übung für eine Person:
Zeichne das, was ein anderer dir erzählt, während er spricht.
Übung für Gruppen:
Speed dating: porträtiert euch gegenseitig auf Klebezetteln in einer Minute, ohne auf das Gezeichnete zu gucken. Wechselt zum nächsten, solange, bis ihr jeder Person in der Gruppe einmal begegnet seid.